Erweitertes Verständnis für die Offenlegungspflicht
Auch wer nach bestem Wissen und Gewissen zur Wikipedia beitragen will, kann in die Mühlen des Regelwerks gelangen – jedenfalls bei entsprechend großzügiger Auslegung der Community.
Angelegt wurde das Benutzerkonto Brasil 432 am 10. Oktober und bislang hat es sieben Edits – davon zwei im Artikelnamensraum und satte fünf auf der eigenen Diskussionsseite. Dieses für Neulinge eher seltene Missverhältnis rührt aus dem zweiten Edit. Der fand im Artikel über den 1984 geborenen Historiker Christopher Lorke statt. Das verräterische bzw. verdächtige am Edit war die sogenannte ZuQ, die „Zusammenfassung und Quellen“:
Themenschwerpunkte im ersten Satz gelöscht, da sie bereits bei "Wirken", Absatz 2, stehen. Mitgliedschaften wurden aktualisiert nach Rücksprache mit Herrn Lorke. Außerdem habe ich einen neuen Sammelband ergänzt.
Da Edits von Neulingen von erfahrenen Ehrenamtlichen gesichtet werden müssen, dauert es keine zehn Minuten, bis Lutheraner die Bearbeitung revertierte und in seiner ZuQ klare Kante zeigte:
Änderung 260600704 von Brasil 432 rückgängig gemacht; Verschlimmbesserungen durch Auftragsarbeit revertiert
Dem üblichen Prozedere folgend setzte Lutheraner dem vier Tage zuvor angemeldeten Frischling den Baustein „Wichtige Information für mögliche Marketing- oder PR-Konten“ auf die bereits oben verlinkte persönliche Diskussionsseite.
In der ersten Antwort schreibt der Nutzer als IP-Adresse klar:
Danke für den Hinweis, aber er trifft nicht zu.
was Lutheraner so aber nicht ausreicht. Da es sich aufgrund der „eigenen Aussage um eine Auftragsarbeit“ handele, müsse „das Bezahlte Schreiben / der Interessenkonflikt“ offengelegt werden.
Richtig ist: In dem umfangreichen Textbaustein ist tatsächlich Wikipedia:Interessenkonflikt verlinkt. Aber weder steht im Baustein noch auf der speziellen Infoseite, dass sich daraus Offenlegungspflichten ergeben.
Brasil 432 wiederholt denn auch unter seinem Benutzernamen, dass „kein bezahltes Schreiben“ vorliegt. Lutheraner fragt folgerichtig nach, wie es zu verstehen sei, dass die „Änderungen mit Herrn Lorke abgestimmt seien“.
Was dann als Schlussakt folgt, ist durchaus phänotypisch. Der Neuling ist irritiert und stellt (hier eher implizit) fest, dass Mitarbeit schwierig und augenscheinlich nicht erwünscht ist:
Ich bin ein Kollege, aber wenn das so nicht erlaubt ist, dann habe ich wieder etwas gelernt.
Lutheraner wiederum antwortet auf eine Art und Weise, die bei erfahrenen Nutzern immer wieder zu beobachten ist und im Kontext „bezahltes Schreiben“ das Gefühl von maximaler Abschreckung vermittelt:
Ist nicht verboten, aber man sollte seinen WP:Interessenkonflikt offenlegen
Erkenntnisse
Es gibt der deutschsprachigen Wikipedia an sich den Leitsatz „Geh von guten Absichten aus“, oftmals abgekürzt als WP:AGF (englisch: assume good faith). Hoffnung, auf diese Art und Weise betrachtet bzw. behandelt zu werden, dürfen sich nur Benutzer machen, die „unauffällig“ sind.
Sobald auch nur der Anschein eines Interessenkonflikts vorliegt, sei es als Selbstdarsteller wie bei Schauspielern und bücherschreibenden Coaches oder als Mitarbeiter eines Unternehmens oder gar einer Agentur, kommen schnell die vielzitierten harten Bandagen raus. Dieser eher breitflächige Ansatz trifft denn auch mutmaßlich Unschuldige, die vielleicht über die Bearbeitung eines Artikels aus dem eigenen Interessensbereich Zugang zu weiterem Wikipedia-Engagement gefunden hätten. In diesem Fall war nach der Diskussion bislang jedenfalls Schluss.
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