Verständlichkeit hat Regeln: Was Wikipedia der KI-Debatte voraus hat

Verständlichkeit gilt oft als Stil- oder Toolfrage. Tatsächlich folgt sie jedoch festen Regeln. Kontext, Textsorte und Zielgruppe sind entscheidend. Ein Blick auf Wikipedia zeigt, warum KI hier schnell an ihre Grenzen stößt und was PR- und Kommunikationsarbeit daraus lernen kann.

Ein Beitrag auf LinkedIn hat mich neugierig gemacht: „Kein Wunder, dass so mancher Journalist die Pressemitteilung für tot erklärt.“ Der persönliche Einstieg führte zur zugrunde liegenden Erhebung von Wortliga, die sich schnell finden ließ. Sie kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Ein großer Teil von Pressemitteilungen ist für Journalisten schwer verständlich.

Eine zentrale Erkenntnis meiner weiteren Recherche: Der Einsatz von KI kann Verständlichkeit unterstützen – stößt aber dort an Grenzen, wo Kontext, Textsorte und Regelwerke nicht mitgedacht werden.

Ein schönes Beispiel dafür ist dieses gallische Dorf im Netz, das da heißt „Wikipedia“.

Wikipedia als Gegenmodell zur toolgetriebenen Verständlichkeitsdebatte

Auf Wikipedia stößt KI-Nutzung sehr schnell gegen Mauern, und unternehmerische Werblichkeit zerschellt daran. Die Vielfalt der Nutzerschaft sorgt zugleich dafür, dass Verfehlungen der Vergangenheit nicht nachgetragen werden müssen.

Von hinten aufgerollt heißt das: Bei der #Wikicon im Oktober 2024 kam Wortliga positiv im Vortrag „Verständlichkeit von Wikipediaseiten“ vor. Das ist schön für die Wortliga GmbH und die genannten Tools, wenn sie denn mit Bedacht eingesetzt werden.
Im November 2024 war Wortliga das Tool der Wahl, um beim „digitalen Themenstammtisch“ (DTS, mittlerweile Digitaler Themenabend), das Thema „Verständlich mit KI?“ zu behandeln.

Ein Jahr zuvor im November 2023 hatte sich die „Redaktion Medizin“ der deutschsprachigen Wikipedia aber kritisch mit Wortliga und einer PR-Aussendung beschäftigt. Ein User schreibt: „In dem Mailing ging es spezifisch um die medizinischen Artikel in der Wikipedia. Ich befürchte da Schlimmes.“

Wie Wikipedia mit KI-Texten, Werblichkeit und Regelverstößen umgeht

Losgelöst von Wortliga – und das entspricht der gängigen wikipedianischen Praxis – heißt das: Werden Bearbeitungen als KI-generiert erkannt, geht es nicht weiter. Neue Artikel werden meist umstandslos gelöscht, bestehende Artikel auf einen früheren Stand zurückgesetzt. Mit KI aufgesetzte Anfragen jeglicher Art oder damit „optimierte“ Diskussionsbeiträge führen im Regelfall umgehend zum Abbruch der jeweiligen Anfrage bzw. Diskussion.

Anders formuliert: Die Community will, dass sich Menschen beteiligen – nicht Maschinen.

Das Beispiel Wortliga: Wenn Tool-Logik auf Community-Logik

Spezifisch auf Wortliga bezogen, und da kommt auch der höchst kritische Umgang der Community mit vermuteter oder tatsächlicher Werblichkeit ins Spiel: Kein User in der Diskussion hat dem Unternehmen eine ehrbare Motivation unterstellt, vielmehr fiel explizit der Vorwurf „Missbrauch der Wikipedia für eigene Werbung“.

Wenn man mit seinem Unternehmenskonto oder einem offen zugehörigen persönlichen Benutzerkonto an diesem Punkt angekommen ist, kann man eigentlich aufhören.

Denn: So wenig KI-generierte Texte geschätzt sind, so wenig Erfolg haben in Wikipedia unerfahrene Menschen im Austausch mit der Community. Das zeigt beispielhaft die Reaktion „Wenn dieser Beitrag von einigen hier nicht gewünscht ist, frage ich, wie wichtig Euch die Verständlichkeit von Artikeln in Eurem Projekt sind“. Der zog nämlich explizit folgende Antwort nach sich: „Es wäre möglicherweise sinnvoller gewesen, in eine bessere PR-Abteilung zu investieren.“

Zusammenfassung: Was Verständlichkeit wirklich braucht

Damit schließt sich der Kreis zur Wortliga-Studie: Verständlichkeit ist keine universelle Eigenschaft von Texten, sondern entsteht im Zusammenspiel von Kontext, Textsorte und Zielgruppe. Wer diese Regeln kennt, kann Werkzeuge sinnvoll einsetzen. Wer sie übersieht, produziert Reibung. Wikipedia macht diese Unterschiede besonders deutlich.