Elevator Pitch in die infinite Sperre

Wenn die Frage „Wie falsch willst Du es anstellen?“ lautet, sollte man auf keinen Fall mit „Ja!“ antworten. Andernfalls kann man sich binnen kürzester Zeit komplett unbeliebt machen – und in eine infinite Sperre verabschieden. Der Beitrag ist ein Fundstück aus dem vergangenen Jahr und ist schon aufgrund des Screenshots zu spannend, um ihn als informatives Beispiel vorbeiziehen zu lassen.

Ein Musterexemplar, wie man es richtig falsch macht, produzierte vor rund anderthalb Jahren ein Gründungsberater aus Hessen. Am 20. April 2024 legte Ingruendung2024 den Artikel „Pitch-Arena“ an (siehe hier), der ausweislich der Diskussionen auf verschiedenen Seiten am 22. April negativ aufgefallen ist. Jedenfalls stellte ein Benutzer einen sogenannten Schnelllöschantrag (SLA), der von einem Administrator um 21.06 Uhr umgesetzt wurde. Die knappe Begründung laut Logbuch:

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Wer sich ein wenig auskennt, weiß: Das ist soweit ein normaler Ablauf in der Wikipedia. Was den Fall aber so interessant macht, ist die Beharrlichkeit, mit der sich der Ersteller des Artikels verrannt hat.

erster Schauplatz: die eigene Diskussionsseite

In der Versionsgeschichte der persönlichen Benutzerseite findet sich eine Version mit zahlreichen „Red Flags“, mit denen man sich unbeliebt macht. Um es auf den Piunkt zu bringen: Die Person hinter dem Konto

  • ignoriert Hinweise der Community (zu dem Thema hatte ich doch zum Jahresanfang 2024 etwas geschrieben),
  • argumentiert ohne soziales Kapital und
  • legt als Geschäftsführer einer Gründerberatung sein „bezahltes Schreiben“ gemäß der Nutzungsbedingungen nicht offen.

  • Weil er diskutiert, ohne die Spielregeln zu verstehen, schreibt Benutzer codc entsprechend:

    Ich führe solche fruchtlosen Diskussionen mit Werbetreibenden nicht mehr unendlich lange. Du willst hier Werbung platzieren und hast dich an die Spielregeln zu halten. Da du mit der Beratung von Gründern dein Lebensunterhalt verdienst ist das Studium der Regeln für die Plattform die du bespielst in Eigenleistung zu erbringen.

    Recht früh im Laufe des Dialogs sperrtecodc das Konto Ingruendung2024 übrigens „für die Bearbeitung des Namensraums (Artikel) für unbeschränkt“. Die Begründung: „Fehlende Offenlegung bezahlter Bearbeitungen gemäß Ziffer 4 der Nutzungsbedingungen“.

    zweiter Schauplatz: die Diskussionsseite des Admins

    Die längliche Einlassung bei dem Administrator _XenonX3, der die schnelle Löschung des Artikels „Pitch-Arena“ umgesetzt hat, ist mit knapp 520 Wörtern für freiwillige Autoren schwer zu ertragen (zum Selberlesen bitte dem Link folgen).

    Vereinfacht ausgedrückt: Ein Neuling erklärt, er habe die Regeln gelesen und verstanden – während der alte Hase keine Ahnung habe. So eine Haltung kommt nirgends gut an, erst recht nicht bei dem kollaborativen Projekt namens Wikipedia.

    Noch besser wird die Ergänzung. Da veröffentlicht der Autor eine Beschwerde-Mail an Wikimedia Deutschland (!) auf der Diskussionsseite des Administrators. Warum das Ausrufezeichen? Weil die Wikimedia Foundation in den USA der Betreiber der Seite ist und der Verein in Deutschland lediglich das „freie Wissen fördern“ soll. Gegen Ende der Mail kommt der Teil, der zur nächsten Eskalationsstufe geführt hat:

    „Ich möchte eine offizielle Beschwerde vortragen über den Antragsteller @Pentachlorphenol und auch den Administrator @XenonX3 deren Klarnamen leider nicht bekannt sind. Wenn Sie hierüber Auskunft geben können, bitte ich um Auskunft, weil ich diese Verhaltensweise, die zu einem nachweisbaren Schaden geführt hat, auch anwaltlich verfolgen lassen möchte.“

    dritter und letzter Schauplatz: die Seite Vandalismusmeldung

    Aufgrund der Drohung mit rechtlichen Schritten stellt Benutzer Pentachlorphenol (alias PCP) zeitnah eine Vandalismusmeldung. In der Folge setzt ein Admin eine infinite Sperre des Benutzerkontos mit der Begründung „Kein Wille zur enzyklopädischen Mitarbeit erkennbar“ und ein zweiter ergänzt, dass er als Grund „keine Drohungen mit rechtlichen Schritten“ ausgewählt hätte.

    Das Ergebnis bleibt identisch: Der Gründungsberater hat sich mit seinem Benutzerkonto auf das Abstellgleis gepitcht.

    Nachspiel fünf Monate später

    Das Benutzerkonto Nabilskytower wurde ebenfalls Ende April 2024 angelegt, legte eine Benutzerseite an und erstellte Anfang August 2024 ein weiteres Mal den Artikel „Pitch Arena“ (siehe hier bei den X-Tools). Am 9. September stellte User Mirji einen einen Löschantrag und begründete diesen mit „enzyklopädische Relevanz nicht erkennbar, zudem Theorie- & Begriffsetablierung“.

    Im nächsten Edit sekundierte Kriddl:

    Fast wörtlich identisch mit dem 22. Apr. 2024 als Werbeflyer gelöschtem Artikel.

    Das Benutzerkonto „Nabilskytower“ bekam zudem noch den Baustein „Wichtige Informationen für mögliche Marketing- oder PR-Konten“ auf die eigene Diskussionsseite gepflanzt, hielt aber anders Ingruendung2024 die Füße still.

    Die Löschdiskussion verlief dann unaufgeregt (zwei weitere Kommentare, beide zustimmend) und Emergency doc löschte die Seite am 16. September 2024.

    Wer wissen will, wie der „Fast wörtlich identisch(e)“ Text aussah, kann sich den Screenshot aus dem Google-Cache anschauen.

    Erkenntnisse

    Das Beispiel macht deutlich, wie wichtig es ist, die Spielregeln des kollaborativen Projekts Wikipedia frühzeitig zu verstehen und sofort zu respektieren. Wer hier als Unternehmen (oder noch schlimmer: als Agentur) scheitert oder sich nicht an die vereinbarten Normen hält, riskiert sein Thema ebenso wie sein Benutzerkonto.

    Zudem zeigt der Vorfall exemplarisch, wie entscheidend eine respektvolle Kommunikation mit den „Regulars“ ist. Eine aggressive Haltung, wie sie durch die Androhung rechtlicher Schritte gezeigt wurde, beendet üblicherweise den Konflikt, weil in der Regel eine Benutzersperre folgt.

    Die Lektion ist klar: Transparenz, ein respektvoller Dialog und das Verständnis für die Regeln der Enzyklopädie sind essenziell, um einen positiven Einstieg zu finden, dauerhaft erfolgreich zu sein und grundsätzlich in der Community akzeptiert zu werden. Wer diese Grundsätze ignoriert, riskiert eine „infinite Sperre“, aus der Unternehmens- und Agenturkonten selten zurückfinden.